Die heiligen Wundmale Christi und die Bekehrung des Herzens!

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Wer die Passion unseres Herrn betrachtet, dem öffnet sich das Geheimnis göttlicher Liebe. In den Wundmalen Christi erkennen wir nicht nur das Ausmaß menschlicher Sünde, sondern auch die unermessliche Barmherzigkeit Gottes, die uns zur Umkehr ruft.

Wenn wir in der Stille unserer Klosterzelle oder in der Einsamkeit unseres Gebetskämmerlein verweilen und unser Herz dem Gekreuzigten zuwenden, dann geschieht ein Wunder, das größer ist als alle Zeichen und Wunder dieser vergänglichen Welt. Denn die Betrachtung der heiligen Wundmale unseres Herrn Jesu Christi vermag das härteste Herz zu erweichen und die verstockteste Seele zur Reue zu bewegen. So steht geschrieben im Propheten Sacharja 12,10: „Aber über das Haus David und über die Bürger Jerusalems will ich ausgießen den Geist der Gnade und des Gebets. Und sie werden mich ansehen, den sie durchbohrt haben, und sie werden um ihn klagen, wie man klagt um ein einziges Kind, und werden sich um ihn betrüben, wie man sich betrübt um den Erstgeborenen.“

Diese Worte des alten Bundes haben sich erfüllt am Holze des Kreuzes, da unser Herr Jesus Christus, der Sohn des lebendigen Gottes, seine Hände und Füße durchbohren ließ und sein Haupt mit Dornen gekrönt ward. Nicht für seine eigene Schuld geschah dies, denn er kannte keine Sünde, sondern um unserer Missetaten willen ward er verwundet. Der heilige Apostel Paulus bezeugt uns im Brief an die Römer 5,8: „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“

Seht, meine geliebten Brüder und Schwestern im Herrn, hier liegt das große Geheimnis verborgen, welches die Weisen dieser Welt nicht zu ergründen vermögen. Nicht unsere Gerechtigkeit hat den Heiland vom Himmel herabgerufen, sondern unsere Sünde. Nicht unsere Würdigkeit hat ihn ans Kreuz gebracht, sondern unsere Unwürdigkeit. Und gerade darin offenbart sich die unbegreifliche Liebe Gottes, die keine Grenzen kennt und keine Bedingungen stellt. Als wir noch Feinde waren, da starb Christus für uns. Als wir noch in Finsternis wandelten und der Sünde dienten, da ließ er sich für uns ans Kreuz schlagen.

Der heilige Apostel Johannes, der unter dem Kreuze stand und die blutigen Nägel mit eigenen Augen sah, schreibt uns in seinem ersten Brief 3,16: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Beachtet wohl diese Worte, denn sie zeigen uns zweierlei. Erstens offenbaren sie uns das Wesen der göttlichen Liebe, die sich selbst hingibt bis in den Tod. Zweitens aber mahnen sie uns, dass diese Liebe nicht nur betrachtet, sondern nachgeahmt werden soll. Wer die Wundmale Christi recht betrachtet, der wird verwandelt nach dem Bilde dessen, der sich für uns hingegeben hat.

Es ist eine alte Weisheit der Väter unserer heiligen Kirche, dass die Meditation über das Leiden Christi die wirksamste Arznei gegen die Sünde ist. Denn wie kann ein Mensch, der die durchbohrten Hände des Erlösers vor Augen hat, leichtfertig in die Sünde zurückfallen? Wie kann einer, der das blutende Haupt des Gottessohnes betrachtet, seinen eigenen Willen über den Willen Gottes stellen? Der heilige Prophet Jesaja hat es vorausgeschaut, als er im 53. Kapitel, Vers 5, schrieb: „Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“

Diese Worte müssen wir mit dem Herzen vernehmen, nicht bloß mit dem Verstande. Es ist unsere Missetat, die ihn verwundet hat. Es ist unsere Sünde, die ihn zerschlagen hat. Wenn wir sündigen, so treiben wir gleichsam die Nägel noch tiefer in seine heiligen Hände. Wenn wir dem Fleische folgen statt dem Geiste, so winden wir die Dornenkrone noch fester um sein Haupt. Diese Erkenntnis muss uns durchdringen wie ein zweischneidiges Schwert, auf dass wir nicht leichtfertig mit der Sünde umgehen.

Doch die Betrachtung der Wundmale führt uns nicht zur Verzweiflung, sondern zur Hoffnung. Denn diese blutigen Zeichen sind zugleich Zeichen des Sieges über Sünde, Tod und Teufel. Der auferstandene Herr zeigte seinen Jüngern die Wundmale, damit sie glaubten. Im Evangelium des Johannes 20,27 lesen wir, wie der Herr zu Thomas spricht: „Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ Diese Wundmale sind nicht Zeichen der Niederlage, sondern der vollbrachten Erlösung. Sie künden uns, dass der Preis für unsere Sünde bezahlt ist, vollständig und ein für alle Mal.

Wenn wir also die heiligen Wundmale betrachten, so sollen wir dreierlei erkennen. Zum ersten die Schwere unserer Sünde, denn sie hat solch schreckliches Leiden verursacht. Zum zweiten die Größe der göttlichen Liebe, denn sie hat sich nicht gescheut, diesen Preis zu zahlen. Zum dritten aber die Kraft dieser Liebe, die uns von der Sünde befreien kann. Wie der Apostel Paulus im Brief an die Römer 8,1 bezeugt: „So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.“ Durch seine Wunden sind wir geheilt, und in seinen Wundmalen finden wir Zuflucht vor dem Zorn Gottes.

Die alten Mönchsväter in der Wüste pflegten zu sagen, dass die Erinnerung an den Tod Christi der beste Schutz gegen die Versuchung sei. Wenn uns der böse Feind mit Verlockungen bedrängt, wenn das Fleisch nach verbotenen Dingen begehrt, wenn die Welt uns mit ihrem Glanz blenden will, dann sollen wir die Augen unseres Herzens auf Golgatha richten. Dort, auf jenem Hügel außerhalb der Stadtmauern, dort hängt unser Heiland am Holze des Kreuzes. Sein kostbares Blut fließt herab zur Erde. Die Nägel durchbohren seine Hände und Füße. Die Dornenkrone zerkratzt sein heiliges Haupt. Und all dies um unseretwillen.

Der Psalmist spricht im 22. Psalm, Verse 17 und 18: „Sie haben meine Hände und Füße durchgraben. Ich kann alle meine Gebeine zählen; sie aber schauen zu und sehen auf mich herab.“ Diese prophetischen Worte Davids haben sich buchstäblich erfüllt an unserem Herrn Jesus Christus. Wenn wir diese Verse beten und meditieren, dann stehen wir gleichsam selbst unter dem Kreuze und schauen hinauf zu dem Gekreuzigten. Und in diesem Schauen geschieht die Umwandlung unseres Herzens.

Es gibt eine Geschichte von einem großen Sünder, der nach langem Leben in Laster und Ungerechtigkeit endlich zur Besinnung kam. Man fragte ihn, was ihn zur Umkehr bewegt habe, ob es eine mächtige Predigt gewesen sei oder ein Zeichen vom Himmel. Er aber antwortete: „Ich sah ein Kruzifix in einer Kirche, und plötzlich erkannte ich, dass dieser Mann dort für mich gestorben ist. Diese Erkenntnis hat mein Herz gebrochen.“ So wirkt die Betrachtung der Passion Christi. Sie bricht die Verhärtung unseres Herzens und macht es empfänglich für die Gnade Gottes.

Der Apostel Paulus schreibt im ersten Brief an die Korinther 1,18: „Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist’s eine Gotteskraft.“ Die Welt versteht nicht, welche Kraft im Kreuz liegt. Die Weisen nach dem Fleische spotten über den gekreuzigten Gott. Aber wir, die wir durch den Glauben erleuchtet sind, wir erkennen in den Wundmalen Christi die höchste Weisheit und die größte Macht, nämlich die Macht der sich hingebenden Liebe.

Darum, meine Geliebten, lasset uns täglich die heiligen Wundmale unseres Herrn betrachten. Wenn wir des Morgens erwachen, sollen unsere ersten Gedanken dem Gekreuzigten gelten. Wenn wir des Abends zur Ruhe gehen, sollen wir uns in die Seitenwunde Christi bergen wie in einen sicheren Hafen. Wie es im Hohelied 2,14 heißt: „Meine Taube in den Felsklüften, im Versteck der Felswände, zeige mir deine Gestalt, lass mich hören deine Stimme.“ Die Wundmale Christi sind solche Felsklüfte, in denen wir Schutz finden vor allen Stürmen dieser Zeit.

So wird unser Leben ein beständiges Schauen auf den Gekreuzigten, und dieses Schauen wird uns umwandeln. Wie der Apostel Paulus im zweiten Brief an die Korinther 3,18 bezeugt: „Nun aber schauen wir alle mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wie in einem Spiegel, und wir werden verklärt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur andern von dem Herrn, der der Geist ist.“ Wenn wir die Wundmale Christi betrachten, dann schauen wir die höchste Herrlichkeit Gottes, nämlich seine Liebe. Und diese Betrachtung verwandelt uns nach seinem Bilde.

Lasst uns also nicht müde werden in dieser heilsamen Übung. Lasst uns die Passion unseres Herrn nicht nur einmal im Jahr gedenken, sondern täglich. Lasst uns in den Wundmalen Christi lesen wie in einem offenen Buch, das uns die Geheimnisse der göttlichen Liebe erschließt. Denn wahrlich, wer solche Liebe sieht, der fürchtet, sie abermals zu verwunden. Wer erkennt, welchen Preis der Sohn Gottes für unsere Erlösung bezahlt hat, der wird nicht leichtfertig zur Sünde zurückkehren. Die Gnade Gottes erzieht uns, wie Paulus im Brief an Titus 2,11-12 schreibt: „Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben.“

So möge die Betrachtung der heiligen Wundmale unseres Herrn Jesus Christus uns alle zur wahren Umkehr führen, unsere Liebe zu ihm entflammen und uns bewahren vor der Sünde. Ihm sei Ehre und Preis in Ewigkeit. Amen.

Bruder Bernhard